Die Grimminger Story

Die Bäcker der Neckarstadt sind stolz auf ihre Tradition. Ihre Nationalhymne wurde schon um die Jahrhundertwende mit Inbrunst gesungen: "Mir sin die Bäcker vun iwwerm Neckar, mir stemmen die Salzweck mit äner Hand..."

In diesen Text nach der Melodie der "Sänger aus Finstesrwalde" stimmte wohl auch Josef Grimminger ein, als es ihn 1907 in die aufstrebende Handels- und Industriestadt an Rhein und Neckar verschlug. Sicher klang es bei ihm noch nicht so lupenrein Mannemerisch wie bei seinem Sohn und Bloomaul Richard. Denn Josef Grimminger stammte -- wie übrigens viele Bäcker in der Kurpfalz -- aus dem Schwabenland.

Er wurde am 16. Oktober 1883 in Bargau bei Schwäbisch Gmünd geboren. Seine Wiege stand in einem einsamen Bauernhaus, wo das Brot noch in einem gemauerten Steinofen auf dem Hof gebacken wurde. Als 14jähriger ging Josef in Schwäbisch Gmünd in die Bäckerlehre, 1900 hatte er seinen Gesellenbrief in der Tasche, packte -- wie das damals üblich war -- sein Ränzel und ging auf die Walz.


Auf Schusters Rappen wanderte der frisch gebackene Bäcker nach Paris und hielt in den Backstuben der "boulangers" die Augen offen, sah, wie Pain Boulot und Parisienne knusprig aus dem Ofen kommt. Von Paris pilgerte er nach Hamburg und lernte dort norddeutsche Schrotbrote mit Sauerteig kennen; Sauerteig wurde damals in Süddeutschland kaum benutzt. Die nächste Station war Berlin, wo er als Spezialität Schnittbrötchen in sein Repertoire aufnahm. In Dresden machte er sich mit Rezepten für Christstollen vertraut. Und auch in Leipzig und Wiesbaden konnte er noch einiges dazulernen.

Als Josef Grimminger 1907 nach Mannheim kam und in einer größeren Bäckerei eine Stellung fand, brachte er einen reichen Erfahrungsschatz mit. Der sparsame Schwabe beherzigte aber auch einen Grundsatz seiner Vorfahren: Schaffe, schaffe, Häuslebaue. 1911 kaufte er das Haus Eichendorffstraße 8 a und eröffnete dort am 1. April seine eigene Bäckerei. Das Anwesen ist heute noch der Stammsitz der Grimmingers.

Kaum hatte sich Josef Grimminger richtig etabliert, da brach der Erste Weltkrieg aus. Er wurde bei BBC dienstverpflichtet, aber nachts arbeitete er noch in seiner Backstube.

1919, ein Jahr nach Kriegsende, gründete Josef Grimminger mit Berta Wahl eine Familie. Drei Kinder -- Hedwig, Hildegard und Richard -- brachten bald Umtrieb ins Haus. Auf dem Clignet-Platz spielten sie "Klickerles" und "Fangels". Der Verkehr hielt sich in Grenzen, die Pferdefuhrwerke der Mehlhändler holperten gemächlich übers Kopfsteinpflaster.

Aber dennoch, es war nicht "die gute alte Zeit". Richard, heute Inhaber der Bäckerei, ist am 27. April 1924 geboren. Als er damals in der Wohlgelegenschule das ABC und Einmaleins lernte, hat er miterlebt, wie so mancher Arbeitslose sein täglich Brot kaum bezahlen konnte. Es war selbstverständlich, daß er, der einzige Sohn, wie der Vater das Bäckerhandwerk erlernen würde. Da wurde gar nicht lange diskutiert. 1938 ging er seinem Vater als Lehrling in der Backstube zur Hand, 1941 war er Geselle. Aber zum Brotbacken kam er so schnell nicht. Er mußte seinen weißen Kittel mit dem feldgrauen Rock vertauschen und lernte unfreiwillig halb Europa -- Polen, Dänemark, Norwegen, Jugoslawien, Italien, Rußland und Frankreich -- kennen. 1944 geriet er bei der Invasion in Gefangenschaft und landete in USA. Dort, in North Carolina, arbeitete er als Schichtführer in einer Militärbäckerei, in der täglich 100 000 amerikanische Weißbrote produziert wurden.

1946 kehrte Richard Grimminger heim. Der Vater war 1944 gestorben, das Haus in der Eichendorffstraße von Bomben schwer angeschlagen. Da hieß es wieder ganz von vorne anfangen. 1947 legte er die Meisterprüfung ab. Das Leben war in diesen Hungerjahren für viele Mannheimer eine ziemlich brotlose Kunst. Mal gab es Dunkles, mal Helles, mal Mais-Mehl. Die Mutter klebte abends die Brotmarken der Lebensmittelkarten mit "Mehlbapp" auf und sortierte morgens die "Weck" in Leinensäckchen. Beim Austragen früh um halb sechs half Sascha Glas, die 1950 Frau Grimminger wurde.

Mit nur drei Bäckern hatte nach dem Krieg alles angefangen. Heute bietet die Firma 280 Beschäftigten -- darunter 52 Lehrlingen -- in Produktion und Verkauf einen sicheren Arbeitsplatz. 1960 wagten die Grimmingers -- zur Familie gehörten inzwischen Sohn Michael (Jahrgang 1953) und Tochter Gabriele (Jahrgang 1957) -- den Sprung "iwwer die Neckarbrick": In der Freßgasse wurde die erste Filiale eröffnet. Bald war die Backstube in der Eichendorffstraße zu klein. 1965 wurde ein neues Backhaus in der Pettenkoferstraße eingeweiht. Dort wurden 1981 auch die Konditorei und die Verwaltung untergebracht.




Inzwischen ist die dritte Generation mit von der Partie. Michael, der nach dem Abitur sein Studium als Lebensmittelingenieur absolviert hat und sich dann als Bäcker in Chile und Florida den Wind um die Nase wehen ließ, ist 1980 in die Firma eingetreten. Auch er hat schon wieder einen Sohn Marc und seine Töchter Miriam und Madeline. Fragt man Marc, was er später einmal werden möchte, lautet die Antwort prompt: Bäcker!